Roswitha packt ihre Koffer
Früher, als Roswitha noch auf dem Land wohnte, da war alles anders. Beschaulicher, irgendwie und seit einiger Zeit jedoch zunehmend hektisch. Oft kam Besuch auf den Hof, vor allem, seit ihr Bauer, der Franz, sich mit innovativ und kreativ im Internet beschrieb und wie viele andere Kollegen nun nicht nur ayurvedische Fellmassagen, Chorgesänge beim Melken und etwas seltsam riechendes, biologisch und gentechnisch unbedenkliches, also kurz einwandfreies Kuhfutter anbot, sondern auch noch das: Rent a Kuh.
Unbedarfte Städter durften sich sowohl finanziell als auch praktisch um “ihre” Kuh kümmern. Roswitha ist im Besitz von wunderschönen, brauen Kuhaugen. Ihr Fell glänzt wunderbar seiden, ihr Charakter lässt auch nichts zu wünschen übrig, was zur Folge hatte, dass alle ihre neuen Kümmerer sein wollten und sie also einiges über sich ergehen lassen musste. Ausritte mit quiekenden Kindern auf dem Rücken, selbstgehäkelte, regenbogenfarbene Deckchen für den Winter für alle möglichen und nicht möglichen Stellen ihres Körpers, Tragen von einem rosa Halfter mit Seidenblümchen, Wettmuhen mit anderen Kühen um Geld, KuhArt (ein Künstler färbte ihr grosse schwarze und gelbe Karos ins Fell und lichtete sie dann unzählige Male ab, was ihr nicht unangenehm war) und irgendwann kam einer auf die Idee, ihre etwas gelblichen Zähne mit einer Markenzahnpasta zu schrubben. Menthol! Wenn Roswitha etwas nicht leiden mag, dann das: Menthol.
An diesem Tag beschloss Roswitha, ihre Koffer zu packen. Ayurvedische Massagen hin oder her. Und so fand ich sie am Bahnhof, wartend auf den nächsten Zug nach nirgendwo…





